Interview mit Luise Scherf, Mitbegründerin von Música en los Barrios

Luise Scherf hat Anfang der 1990er Jahre zusammen mit dem Spanier Angel Torellas und Dorothy Barnhouse das Projekt Música en los Barrios aufgebaut. Das Musikprojekt ist eine Herzensangelegenheit von ihr. Wir haben uns mit ihr über die anfänglichen Schwierigkeiten, die Erfolge und ihre Wünsche für das Projekt unterhalten.

Liebe Luise, wie bist Du zu Música gekommen? Was hat Dich dazu bewogen, das Projekt aus der Taufe zu heben? Erzähl mal ein wenig von den ersten Tagen des Projekts!

Der spanische Priester Angel Torellas, der im Viertel Batahola Norte in Managua arbeitete und lebte, sagte mir mal: "Ohne Musik könnte ich keine Theologie machen." Also hatte er einen großen Chor mit Jugendlichen und mehrere Flötengruppen mit Kindern eingerichtet, die er für die Musik begeisterte. Ihn habe ich mir zum Vorbild genommen - und sozusagen auf seinen Spuren zusammen mit einer damals in Managua lebenden US-amerikanischen Freundin ganz privat ein kleines Projekt mit auf den Weg gebracht: Música en los Barrios. Die Sehnsucht nach Musik-Erziehung oder gar Unterricht war überall riesengroß. Drei junge Leute, die Padre Angel unterrichtet hatte und die auf der Blockflöte schon etwas fortgeschritten waren, begannen in einer Ecke des von ihm aufgebauten Kulturzentrums mit der Organisation von Flötengruppen in drei Barrios. Später wuchs das auf zehn Barrios an.

 Wie wurde das Projekt zu Beginn finanziert? Wann hat Pan y Arte die Finanzierung übernommen?

Meine Freundin Dorothy und ich baten Freunde und Bekannte in Deutschland und in den USA um Spenden. Am Anfang brauchten wir monatlich 100,- DM. Als in Managua immer mehr Anfragen kamen und wir dort ein richtiges Büro brauchten, überstieg das unsere Möglichkeiten bei Weitem. Wir waren froh, dass uns Ende der 1990er Jahr der von Dietmar Schönherr gegründete Verein Pan y Arte als zu förderndes Kulturprojekt aufgenommen hat.

Du hast ja selbst in Managua gelebt. Gibt es einen Moment während Deiner Tätigkeit in Nicaragua, an den Du Dich mit besonders viel Freude erinnerst?

Es war immer eine große Freude zu sehen, mit welchem Elan die jungen Lehrer - alle angelernt von Padre Angel - arbeiteten, jeden Sonnabend in die Barrios fuhren und sich durch ihre Treue und Zuverlässigkeit die ersten Erfolge zeigten: kleine Konzerte in den Barrios, gemischt aus Liedern und kleinen Flötenstücken. Die Kinder und auch ihre Eltern platzten fast vor Stolz. Einmal sagte mir eine Mutter:

„Es macht mich sehr glücklich zu erleben, wie gern meine beiden Kinder zu den Musikstunden gehen. Diese Erziehung stärkt sie sehr in ihrer Entwicklung.“

Ich fuhr öfter mit in die Barrios, um den Lehrern didaktische und pädagogische Hilfen zu geben. Sie genossen ja keine professionelle Berufsausbildung, sondern hatten nur hin und wieder an Fortbildungen teilgenommen, die wir organisierten. Einmal beobachtete ich eine Unterrichtsstunde, die mit einer Gruppe von zehn Kindern auf einem Schulhof stattfand. Bei 30° Hitze und dem nur 100 m entfernten Lärm einer sehr befahrenen Straße schaffte es die junge Lehrerin, konzentriert und fröhlich mit den Kindern zu arbeiten: Sie brachte ihnen neue Töne bei, motivierte sie zum Zuhören, lobte und ermunterte sie, wenn etwas gut gelang. Unter derartig widrigen und harten Bedingungen so guten Musikunterricht zu machen - das Herz ging mir auf!

Gab es auch mal eine Durststrecke im Projekt? Was war eine große Herausforderung?

Oh ja, da gab's Einiges, natürlich wenig erfreulich: zum Beispiel fachliche Unzulänglichkeiten oder auch Zwistigkeiten unter den Lehrern führten zu Trennungen - das war jedes Mal sehr schmerzlich. Im Laufe der Zeit lernten beide Seiten - die nicaraguanische und die europäische -, offen mit Problemen umzugehen, sie anzusprechen, anstatt sie mit Schweigen zu übergehen. Schwierig! Aber wir haben Fortschritte gemacht, und von Zeit zu Zeit haben wir das auch ausgesprochen und uns darüber gefreut.

Was ist Deiner Meinung nach der größte Erfolg von Música?

Dass diese gute und sinnvolle Arbeit nicht bereits nach wenigen Jahren beendet wurde, wie es viel zu oft geschah, wenn nach der anfänglichen Begeisterung die "Mühen der Ebene" bewältigt werden mussten oder das Geld nicht mehr reichte. Bei Música wurde mit Geduld, Energie und Begeisterung durchgehalten - nun schon seit 25 Jahren. Dieser Erfolg hat viele Väter und Mütter auf beiden Seiten des Atlantiks: in Nicaragua die Zuverlässigkeit und der Lernwille der Beteiligten, in Europa die Treue der vielen Spender und Unterstützer. Durch ihrer aller Beitrag zum Leben des Projektes ist der Begriff "Música en los Barrios" inner- und sogar außerhalb der Musikszene Managuas bekannt dafür, dass hier solide Musik-Erziehung betrieben wird, die sehr vielen Kindern große Freude macht. Etlichen von ihnen wurde sogar der Einstieg in ein Leben als Profi-Musiker ermöglicht. Das wird es auch in Zukunft geben!

Was ist Dein Wunsch für die Zukunft von Música? Wo glaubst Du, könnte das Projekt in den nächsten 25 Jahren stehen? Was braucht das Projekt aktuell, um weiterzuwachsen?

Wegen der aktuellen politischen Krise in Nicaragua ist es mein größter Wunsch, dass wieder Ruhe im Lande einkehrt und die Menschen ohne Angst leben und arbeiten können - das gilt für alle Bereiche ebenso wie in diesem speziellen Falle für Música.

Ich wünsche mir, dass es guten und zahlreichen Nachwuchs bei den Instrumental-Lehrern geben möge, die die Arbeit so verantwortungsvoll wie bisher weiterführen und ausbauen.

Ein Traum ist der Erwerb oder Bau einer Musikschule mit schalldichten, klimatisierten Räumen, möglichst zentral gelegen und mit genügend Platz für die vielen musikbegeisterten Kinder und Jugendlichen. Sie verdienen diese Chance!

Claudia Berns Ansprechpartnerin für Presse-Anfragen

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25 Jahre Pan y Arte